Auswege: eine Übersicht

FREI Auswege: eine Übersicht meiner persönlichen Erfahrungen.

Vorallem mit dem Buch “Beschleunigung – die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne” von Hartmut Rosa haben wir bereits zahlreiche Hamsterräder identifizieren können. Viele von Euch (mein Eindruck aus den Kommentaren, e-Mails, Tweets die uns bis jetzt erreichten) stellen sich mit uns zusammen die Frage: “Wie kann der Ausweg aus der Zeitkrise aussehen?”

Unser Podcast ist mittlerweile zu einer Selbsthilfegruppe für Zeitgestresste geworden. Wir haben nicht DIE Lösung. Wir suchen danach. Und möchten Euch ermutigen dies mit uns zusammen zu tun und laut mitzudenken.

An dieser Stelle möchte ich einige meiner eigenen Erfahrungen mit Euch teilen.

Ich betone noch Mal, jeder muss seinen eigenen Weg suchen und finden.
Folgendes sollte als Inspiration und Diskussionsgrundlage gelten:

  1. Erkenne, das Hamsterrad ist in Dir!
    Es gibt 2 Hamsterräder die ich identifiziert habe. 1. unsere Gesellschaft (äußere Hamsterräder) und 2. der Antreiber in mir selbst. Das innere Hamsterrad wird bei mir vorallem durch Angst angetrieben. Vermehrt stelle ich fest, dass sobald ich über meine Ängste spreche, meine Gesprächspartner auch Ihre Befürchtungen (irgendwann) äußern. Dieses Hamsterrad kann man nur überwinden, wenn man sich seiner Angst stellt. Die Belohnung ist großartig und heißt für mich “Freiheit”.


  2. Wie fängt man an?
    A) Langsam! Aber nicht ewig überlegen womit. Einfach loslegen, nicht zu lange planen!
    B) Große Veränderungs-Projekte in kleine Schritte zerlegen und über Mini-Erfolge freuen.
    C) Rückfälle, Ruckschritte sind normal und gehören dazu.
    D) Täglich (auch die kleinsten) Glücksmomente festhalten! Ich trage diese in einen analogen Kalender ein. Oder verewige diese auf Twitter mit dem Hashtag #bestofmyday. Ziel ist es die kleinen Glücksmomente und Erfolgsschritte wahrzunehmen und zu schätzen.


  3. Minimalismus (Downsizing, Downshifting, “Simplify your live” …)
    Wenn ihr mal diese Begriffe googelt, werdet ihr merken, dass es zahlreiche Interpretationen und Ansichten gibt. Einigen geht es ganz praktisch um Ausmisten und Ordnung, andere bringen den emotionalen Aspekt wie z.B.”Loslassen” hinzu. Ich erweitere diesen Punkt um die Reduktion von finanziellen Verpflichtungen mit dem Ziel die Erwerbsarbeit zeitlich zu minimieren.
    Ihr habt es schon im Podcast einige Male hören dürfen: ich habe mir vor ca. 2 Jahren eine kleine Wohnung gesucht, mein Auto verkauft und konnte mir somit finanziell (und aus gesundheitlichen Gründen notwendig) meine berufliche Auszeit erlauben. Aktuell schaue ich mich nach einer Teilzeit-Tätigkeit um. Hätte ich wie früher (vor 2 Jahren) noch die über 100qm große Wohnung, das Auto, zahlreiche Versicherungen (die meine Angst beruhigen sollten) und anderen Krempel, der finanziert werden müsste, könnte ich gar nicht von einer TZ-Stelle leben!
    Alles Begann mit einer Trennung von meinem damaligen Lebenspartner. Die kleine Wohnung diente erst Mal als Notlösung. Kurze Zeit später ging es mit meiner Gesundheit bergab und ich war froh, dass ich nicht diesen großen Haushalt und die große finanzielle Verpflichtung stemmen musste. So lernte ich den kleinen Rahmen zu schätzen!


  4. Hobbys ausbauen bzw Kreativität fördern.
    Einfach mal Neues ausprobieren!
    Ich war zugegeben ein eher Fakten orientierter Mensch. In meinem Beruf hatte ich wenig Platz für Kreativität und “sinnloses Rumhängen”. Durch meine 2014 entdeckte Hobbys (wie z.B. Fotografieren und Podcasten) entdeckte ich eine neue, künstlerische Seite an mir. Die mich sehr mit Freude, Spaß und Muße erfüllt, mir viel Kraft und Lebensfreude bereitet. Hierzu habe ich bereits einen Artikel auf meinem Blog veröffentlicht.Natur


  5. Gesunder Geist, gesunder Körper
    Nach den letzten 2 Jahren achte ich besonders auf meinen Körper und meine seelische Gesundheit.

    A) Angefangen hat alles mit Spaziergängen auf dem Friedhof. Hier ist es schön ruhig und ich konnte gut nachdenken. Daraus ist dann Power-Working entstanden. Am Besten ohne Musik und ohne Runtastic (hier nachzuhören). Das Ziel ist es nicht schnell fertig zu werden und die Leistung zu messen, sondern rauszugehen und die Natur mit allen Sinnen wahrzunehmen. Die Sonne auf meiner Haut, die Vögel, die Blüten usw.MeditationB) Yoga und die anschließende Meditation gönne ich mir aktuell 1-2 die Woche.
    Yoga betreibe ich nun schon seit ca. 2 Jahren. Meditation fand ich früher sehr esoterisch und konnte nicht viel damit anfangen. In der Folge 4 habe ich mich damit rein zufällig (auf Grund eines Feedbacks!) beschäftigt. Hier wird die Meditation als Notausgang aus dem Hamsterrad bezeichnet.
    Anfangs war ich zugegeben sehr skeptisch. Habe es aber dann einfach ein paar mal ausprobiert. Praktischerweise nach dem Yoga für 10-15 Minuten. Ich bin mir nicht sicher ob ich es richtig mache. Und würde gerne mehr dazu lernen. Fakt ist aber, ich habe nach dem Meditieren irgendwie einen besseren Zugang zu meiner Gefühlswelt und es wirkt beruhigend auf mich.
    Eine Alternative (zu Meditation) könnten aber auch die Entspannungsübungen nach Jacobson sein.GemüseC) Gutes Essen bezeichne ich als “Soulfood”. Mit gutem Essen kriegt man mich immer! Wenn ich mit den Nerven am Ende bin, hilft mir fast immer wenn ich Brot backe oder mir etwas Gesundes koche. Zugegeben ein Stück Schokoladentorte beeinflusst die Steuerung der Glückshormone enorm 🙂
    Ich gehöre auch zu den Spinnern, die Ihr Essen nicht nur fotografieren, sondern manchmal sogar posten (vorzugsweise auf Twitter unter #foodporn oder #soulfood)Brot backen


  6. Perfektionismus reduzieren.
    Nach wie vor bin ich bestrebt eine gute Leistung abzugeben.
    Mittlerweile führe ich aber immer mehr folgenden Dialog mit mir selbst:
    “Irgendwie hab ich zu wenig getan”
    “Wem willst du was beweisen?
    “Mir selbst.
    “Merkste selber, ne?”
    Dies führt nicht dazu, dass ich mit einer schlechteren Leistung zufrieden bin. Ich weiß aber wann ich aufhören sollte. Und mal ehrlich, “Verschlimmbessern” ist auch keine Lösung!


  7. Soziale Kontakte und das Gefühl der Zugehörigkeit.
    Ganz wichtig sind Freunde, die nicht immer nur von sich erzählen, sondern auch zuhören können. Fragt Euch: “Wo gehe ich hin, wenn es mir richtig dreckig geht?” Ich musste für mich erkennen: Wahre Liebe und das Gefühl von Geborgenheit bekommt man nicht weil man etwas geleistet hat, sondern von Freunden und Familie, die einen einfach so annehmen wie man ist.Du bist nicht allein


  8. Schönheits-Ideale ignorieren.
    Mark Zuckerberg trägt meistens ein graues T-Shirt. Steve Jobs trug einen schwarzen Rollkragen-Pullover. Die “Uniform” hat den Vorteil, dass man weiß was man anzieht.
    Früher habe ich Kleidungsstücke weggetan weil sie nicht mehr “in” waren. Ich bin fast nie ungeschminkt aus dem Haus gegangen. Heute ist mir das alles egal. Es ist mir egal, ob andere mein Outfit toll finden. Das spart viel Zeit, Geld und Energie!
    Außerdem bin ich der Meinung das die weibliche Gefallsucht eine enorme Fessel darstellt. Die Befreiung hiervon ist in meinen Augen die wahre Emanzipation! Diesen Kampf muss aber jede Einzelne mit sich selbst ausfechten.


  9. “Nein” sagen.
    Ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal nicht helfen kann, einen Termin absage oder sonst irgendwie “Nein” sagen muss. Ich glaube ich kämpfe da fast täglich mit. Aber es wird immer besser und einfacher.


  10. EntscheidungEntscheidungen treffen und Verantwortung für das eigene Leben übernehmen.
    Die postmoderne Optionsvielfalt macht es oft zusätzlich schwerer Entscheidungen zu treffen. Mir helfen dann folgende Leitsätze: “Das Schlimmste ist sich gar nicht zu entscheiden. Du kannst nicht überall sein. Deine Kapazitäten sind begrenzt. Was wirst du am Sterbebett darüber denken?”


  11. Betäubungen identifizieren und hinterfragen.
    Wie bereits mehrfach im Podcast erwähnt, habe ich mich die letzten 10 Jahre (vor meiner Auszeit) mit Arbeit betäubt. Hier konnte ich Anerkennung bekommen und musste mich nicht um meine Gefühle und private Baustellen kümmern.
    Womit betäubt ihr Euch so? Alkohol? Nikotin? Essen? Sport? …
    Macht euch bewusst, dass ihr es nur tut um das Hamsterrad in Euch nicht zu spüren (zu mindestens für einen Moment)!
    Betäubung


  12. Ins Innerste reinhören und sich fragen was man wirklich will und braucht – in diesem Moment. Stellt Euch die Fragen: “Welches Bedürfnis habe ich gerade?, Warum fühle ich mich gerade so…?”

  13. Melancholie
    Im Leben kann es nicht immer nur schön und lustig zugehen. Klar ist aber, dass man aus den schwierigen Zeiten und persönlichen Krisen aber etwas lernt. Meine große Krise 2014 hat mich z.B. zu diesem Podcast geführt.
    Dazu habe ich bereits einen Artikel auf gedankenstuebchen.de veröffentlicht.Melancholie

Das sind meine Erkenntnisse der letzten 2 Jahre. An den o.g. Punkten arbeite ich weiterhin.

Jetzt würde mich interessieren: Wie geht es Euch damit? Was hat bei Euch funktioniert um aus den persönlichen Krisen rauszukommen? Wie geht Ihr mit Zeitnot um?

Außerdem: Wir suchen immer Fachleute zwecks Interview oder anderem Input.

Ein Artikel von Eugenia Allerdings

4 Gedanken zu „Auswege: eine Übersicht

    • Hallo Marius,
      vielen Dank. Schön zu wissen, dass es gefällt… und hoffentlich hilft, motiviert und zum Austausch anregt?
      Liebe Grüße
      Eugenia

  1. Ich entschuldige mich für die Länge, aber ich mache es lieber als Kommentar und nicht als E-Mail für einen evtl. Austausch.

    1. Das innere Hamsterrad wird tatsächlich durch Ängste angetrieben. Man geht arbeiten, weil man Angst vor Armut hat oder vor dem Blick der Nachbarn, der Meinung der Verwandten oder sonstwas. Auch die Angst im Alter ohne Unterstützung (finanziell oder persönlich) dazustehen, treibt viele Menschen (mich auch) an. Und dann gibt es da die ganz banalen Ängste, Angst vor Zahnverlust, Zahnversicherung, Angst vor Berufsunfähigkeit-sVersicherung. Etc.

    2. Wie fängt man an? Ich finde auch, einfach machen. Ich habe mir für mich irgendwann das Motto „make it simple – keep it simple“ zurechtgelegt. Die Welt ist komplex, ja, aber zumindest sein eigenes Leben kann man versuchen möglichst einfach zu machen und dann zu halten. Rückfälle gehörten auch dazu, ja, ich wollte zum Beispiel mit dem Fahrrad statt der Bahn zur Arbeit fahren und habe mir entsprechende Regenklamotten gekauft, die jetzt bei mir im Schrank hängen, weil für mich jeden Tag 60 Minuten auf dem Rad bei Wind und Wetter doch zu heftig sind (mi mi mi).

    3. Minimalismus, unbedingt. Der hilft erst gar keinen Stress aufkommen zu lassen, weil man sich um viel weniger Sachen kümmern muss. Auch viel weniger Papierkram, wenn man nicht auf alle seine Ängste reinfällt (siehe Versicherungen). Und was das Geld angeht. Ich bin davon überzeugt, mit wachsendem Einkommen, sind die Ausgaben viel wichtiger als die Einnahmen.

    4. Ein Hobby hilft in jedem Fall. Ich persönlich mag solche, die nur wenig Geld kosten und ich versuche die Profiritis bzw. Wachstumsfalle zu vermeiden. Ihr könntet euch bei den Zeitgenossen ja auch ein Studio zusammen kaufen für mehrere Tausend Euro. Einfacher und spaßiger würde es aber ab einem gewissen Punkt nicht mehr. Ich halte mich da immer an das Pareto Prinzip und lasse es gut sein, wenn ich gefühlt 20% Einsatz gebracht habe, meistens erreicht man damit wirklich 80% Wirkung.

    5. Körper und Geist ist GANZ wichtig. Habe da am 3.September 2015 in meinem blog (www.marco-mattheis.com) erst einen Beitrag aus meinem Leben geschrieben. Bei mir ist es eben moderater Kraftsport, dieses erschöpfte Gefühl beim Training und das Körpergefühl am Tag danach. Und Meditation, wobei ich hier an dem Punkt bin, dass ich mich kaum noch hinsetze zum meditieren, sondern eine Art Alltagsmeditation betreibe, heisst, JEDE Handlung als Meditation zu begreifen. Siehe Momo und Beppo, man kann auch eine Straße in meditativer Haltung fegen, oder sich morgens ein Brot schmieren, mit seinem Kind spielen oder einen Kommentar in einem blog schreiben. Und immer, wenn ich merke, dass ich mit den Gedanken mal wieder an einem anderen Ort in einer anderen Zeit bin, hole ich mich wieder zurück.

    6. Perfektionismus ablehnen. Ich habe mich vor ein paar Jahren auch noch als ein Perfektionist verstanden, das stresst aber unglaublich. Das sind die letzten 20 % bis 100 % (Pareto), die unsagbar anstrengend sind.

    7. Soziale Kontakte sind auch unglaublich wichtig, hier geht Qualität auch vor Quantität. Menschen, die dir zuhören, denen du gerne zuhörst, mit denen man eben in ein gutes Gespräch gehen kann und beide gehen reicher wieder auseinander. Keine Angeberei, keine ständige ungefragtes Ratgeberei und Rechthaberei. Ich habe jetzt alle Folgen der Zeitgenossen durch (5.9.2015) und ich glaube sagen zu können: Du hast mit Branko als Mensch einen wirklich wertvollen Freund Menschen, und umgekehrt.

    8. Bei dem Thema Schönheitsidealen habe ich erst gezuckt, da ich persönlich für mich schön finde meinen Körper gesund, kräftig und Beweglich zu halten, immer im Wissen, dass das kein Wert für sich alleine darstellen sollte, irgendwann wird man eben Alt und das Tempo, die Kraft und „Schönheit“ im Sinne von Jugend lässt nach. Beim Thema Mode stimme ich dir voll zu. Die Modezyklen sind einfach nur noch lächerlich. Ich glaube zur Zeit ist es in sich Kleidung anzuziehen auf der „gehorche“ (obey) steht, oder ist das schon wieder durch? Wie entspannt das Leben läuft, wenn man einfach nur Kleidung für sich gefunden hat, die man gerne trägt. Wobei ich nicht weiß wie knallhart die Jugendkultur heute mit „Aussenseitern“ umgeht. Ich habe mich zu meiner Schulzeit noch schlicht durch das Tragen von schwarzer Kleidung abgrenzen können und bin nie in irgend einer Mülltonne gelandet. Wie das heute ist, weiß ich schlicht nicht. Sozialer Druck kann (gerade für junge Menschen) ganz üble Ausmaße annehmen.

    9. Nein-Sagen ist glaube ich auch eine reine Übungssache. Aber schwer fällt es normalerweise schon, mir auch. Man will ja auch niemandem vor den Kopf stoßen. Also meistens nicht.

    10. Die Sterbebett-Frage ist eine wirklich gute, die hilft mir auch sehr oft bei wichtigen Entscheidungen.

    11. Da ich derzeit in der glücklichen Lage bin das Hamsterrad von Außen zu betrachten, habe ich keine Betäubungen, aber mit Rückblick, ja – da gab es ein paar. Habe ich damals aber auch schon als solche erkannt, aber was will man tun? Es sein lassen mit dem Betäuben hilft eben auch nicht, wenn „der Schmerz“ nervt. Schwieriges Thema.

    12. Zur Zeit habe ich das Bedürfnis die Dinge gründlich zu tun. Und mit Herz. Dafür gerne weniger.

    13. Hier hat mir eure Besprechung von Momo wirklich weiter geholfen. Ich glaube es war Herr Fusi (der Frisör). Ich habe auch ein ganz tolles Leben, aber an manchen Tagen ist man einfach down, will ein anderes Leben oder hat das Gefühl nicht den richtigen Weg zu gehen. Es ist tröstlich zu wissen: Das ist normal und geht normalerweise auch von alleine wieder weg. Wenn nicht, reden und sich Hilfe holen.

    Einen schönen Gruß,
    Marco

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.