Wie ist es mit Kindern ein minimalistisches Leben zu führen?

Kind im BaumWie ist es eigentlich mit Kindern ein minimalistisches Leben zu führen?

Wenn ich diese oder eine ähnlich formulierte Frage höre, weiß ich in der Tat erst nicht, was ich antworten soll?! In diesen Augenblicken bin ich bin weder schlagfertig noch eloquent genug. Mein erster Impuls, um möglichst schnell das Thema zu wechseln: „Wie bei anderen auch.“ räusper.

Ob mir der Minimalismus peinlich ist?

Nein, eigentlich gar nicht. Ich bin überzeugt davon, dass uns unser Lebensstil gut tut. Mir und auch meinen Kindern kommt es entgegen nicht mehr so viele Besitztümer zu haben, als vor sechs Jahren.

Um die Frage, wie es ist, minimalistisch zu leben, überhaupt beantworten zu können, muss ich aber erst klären, was Minimalismus bedeutet. Für mich und für uns als Familie.

Diese Zeit fehlt mir in Gesprächen meist und ich habe manchmal den Eindruck, dass mein Gegenüber schon eine sehr klare obschon starre Definition von Minimalismus hat. Neben diese Definition eine weitere mögliche zu stellen, und zwar meine, erfordert mehr Zeit als der gängige Small Talk ermöglicht, der auf der Straße, in der Schuleingangshalle oder auch an der Supermarktkasse stattfindet.

Meine Definition oder besser Vorliebe für den Minimalismus

Mir gefällt Niko Paechs (Nachhaltigkeitsforscher und Autor von „Befreiung vom Überfluss“ erschienen im Oekom-Verlag) Aussage sehr gut: „Souverän ist nicht, wer viel hat, sondern wenig braucht.“ Wenn ich diesen Gedanken ernstnehme und konsequent umsetzen möchte, bleibt es nicht aus, dass ich mich von dem Besitz, den ich nicht brauche, löse.

Hierzu ein Beispiel. Manchmal erhalte ich von Bastel- und Kreativmaterialverlagen Werbeheftchen und Kataloge. Bis zu dem Moment, in dem ich diese Kataloge öffne, bin ich nahezu wunschlos glücklich. Habe ich die ersten zwei Seiten durchgeblättert, meine ich zu glauben, dies oder das unbedingt haben zu müssen. Das ging mir früher bei allen anderen Werbeprospekten sehr ähnlich und ich erlebe es heute überall in meinem Umfeld genauso. Das ist ein gruseliges Phänomen, das sich beobachten lässt und von Marketingeinrichtungen heutiger Unternehmen bewusst initiiert und gesteuert wird.

Insbesondere für meine Kinder wünsche ich mir jedoch die Freiheit von diesen Dingen und damit verbundenen künstlich hergestellten Sehnsüchten. Denn ich bin davon überzeugt, dass es Wesentlicheres gibt, womit wir unsere Zeit füllen können. Ich wünsche mir, dass meine Kinder sich zu selbstbestimmten, freien und verantwortlichen Menschen entwickeln. Sie dürfen frei sein von Dingen und ich hoffe, dass sich diese Freiheit und Unabhängigkeit in ihrem Denken und Verhalten verankert.

Daher ist Minimalismus für mich ein Mittel zum Zweck, allerdings ein sehr ideales und erstrebenswertes. Mal abgesehen davon, dass ich durch das Weniger in unserem Leben nicht nur weniger Zeug, sondern auch weniger Zeit für Haushalt, Instandhaltung und Pflege der Dinge investieren muss. Dafür habe ich mehr Raum für uns, mehr Zeit und sogar ein bisschen mehr Geld für Dinge, die wir uns gerne auch mal leisten (Urlaub, größere Spielgeräte…).

Meine Kinder haben Spielzeug, sie essen Eis, wir fahren in den Urlaub und sie bekommen sogar Taschengeld.

Dann ist das ja gar nicht minimalistisch.

Ja, diesem Gedanken oder in diese Richtung gehende Äußerungen meines Gegenübers muss ich aushalten. Ich habe ja gar keine andere Wahl. Denn damit auseinandersetzen – das habe ich wegreduziert. Dafür ist mir meine Zeit mit meiner Familie, unseren Freunden und den Dingen, die das Herz zum Klingen bringen einfach zu wertvoll.


 

Unser gelebter Minimalismus

Wenn ich unseren minimalistischen Lebensstil, unser Familienkonzept versuchen wollte kurz zu umreißen, dann sähe das in etwa so aus:

  1. Einfach

Unser Leben als fünfköpfige Familie darf nicht zu kompliziert werden. Wenn ich beispielsweise doch im Supermarkt einkaufen gehe, dann hat das zeitliche und finanzielle Gründe. Würde ich immer alles, zu jeder Jahreszeit aus der Region kaufen, wäre ich arm. Mal abgesehen davon bin ich unendlich dankbar, dass meine Kinder Bananen lieben und dieses Obst alljährlich für mich erhältlich ist. Dieser Komfort, dieser Luxus ist mir jedoch erst bewusst geworden, während wir reduziert haben.

Auch der Haushalt, das Putzen und Aufräumen: Ich habe daran keine Freude und der Rest hier auch nicht. Also mussten wir uns Regeln und Verhaltensweise aneignen, die diesen Bereich so einfach wie möglich gestalten.

  1. Pragmatisch

Gerade hinsichtlich der Haushaltsführung soll es pragmatisch sein und dazu beitragen, dass wir Zeit für die Dinge zusammensparen, die uns wichtig sind. Beispielsweise geht es gerade aktuell darum eine Haushaltskasse einzuführen. Das Notieren und Haushalten mit Bargeld und ohne Karte ist eine Herausforderung und wir suchen in den kommenden zwei Monaten nach praktischen Varianten der Haushaltsbuchführung.

  1. Hinterfragend

Macht es wirklich Sinn dieses oder jenes Produkt zu kaufen? Gartengeräte, Körperpflegeprodukte, Kleidung in immer wieder variierenden Farben und Schnitten aus unterschiedlichen Stoffen? Wir gehen immer davon aus, dass dieses Konsumverhalten normal ist. Ist es das?

Was hat quietsche gelb-pinker Elefant aus Kunststoff, der etwa halb so groß ist, wie ein 18 Monate altes Kind und diverse Töne, Geräusche und Blinksignale von sich gibt für einen pädagogischen Wert? Oder andersherum gefragt: Was wird meinem Kind fehlen, wenn ausgerechnet dieses Spielzeug nicht Teil seiner Kindheit wird?

  1. Progressiv

Wir entwickeln unser Lebenskonzept fortwährend weiter. Es gab Zeiten, in denen haben wir lange Zeit wirklich nur beim Bauern nebenan eingekauft. Dann kam das dritte Kind und alles musste sich erstmal wieder neu finden. Was ich damit sagen will: Zeit bringt Veränderungen. Immer und immer wieder. So ähnlich leben wir unseren Minimalismus, der sich aktuell stark zur Widerverwendung entwickelt hat. Das gekaufte alte Haus, war bis zum Rand mit Besitz gefüllt. Wir haben vieles weggeben und auch in den Müll geworfen.

Noch immer findet sich in der ein oder anderen Ecke Besitz, für dessen Sichtung und Entsorgung wir bislang keine Gelegenheit hatten. Glücklicherweise sind da momentan viele Gegenstände bei, die wir gut verwenden können: z.B: die Spitzhacke, um Wurzeln aus der Erde zu klopfen, vier wunderschöne Fliesen, die es so heute gar nicht mehr auf dem Markt gibt…

  1. Freiwillig

Als mein Mann und ich uns damals entschieden unseren Besitz zu minimieren, haben wir beschlossen uns nichts aufzuoktroyieren. Das betrifft natürlich auch die Kinder.

Das bedeutet a) wenn meine Kinder Fußballkärtchen oder Steine sammeln wollen, dann tun sie das und ich muss mich nicht selten zusammenreißen. Das bedeutet b) nichtsdestotrotz, dass es Regeln gibt, wie beispielsweise: sammel soviele Steine wie du willst. Draußen.

Oder aber bis deine Kiste voll ist. Dann wird gewechselt oder das Sammeln vorerst beendet. Diese Regeln müssen wir gemeinsam beschließen und oft führe wir eine Regel ein und testen, wie gut sie ankommt bzw. umsetzbar ist.

Welche 100 Teile besitzt ihr als Familie denn?

Eine solche Frage weigere ich mich inzwischen zu beantworten. Wir sind zu fünft. Natürlich besitzen wir mehr als 100 Teile. Sogar jeder einzelne von uns besitzt mehr als 100 Teile.

Wir versuchen als Familie soviel zu besitzen, wie wir brauchen, um unsere Souveränität und Unabhängigkeit beizubehalten, manchmal sogar etwas auszubauen.


 

Wie finden das die Kinder?

Das ist jetzt natürlich auch meine Einschätzung ihrer Sicht. Denn würde ich sie fragen, wie sie “unseren Minimalismus” finden, wäre die Antwort mit Sicherheit ein fragendes Gesicht und Unverständnis. Der Große würde vermutlich fragen, “Was ist Minimalismus?”. Der mittlere würde mich zu seinem Kaffeekränzchen im Kinderzimmer einladen, ohne auf meine Frage einzugehen. Umformulierungen, wie “Das heißt, dass wir ein bisschen weniger als andere an Spielzeug besitzen“, würden natürlich immer als schade beurteilt werden.

Allerdings ist bislang keines meiner Kinder zu mir getreten und hat gesagt, dass es ja so viel weniger Spielzeug als seine Kindergartenfreunde hat. Klar, es kamen schon Äußerungen, wie: “Mama, ich will auch eine Feuerwehr von Playmobil!” oder “Es ist schade, dass ich das nicht auch haben kann.” – Aber ganz ehrlich: Diese Äußerungen kann ich an einer Hand abzählen.

Unsere Kinder bekommen Taschengeld. Von diesem Geld dürfen sie sich kaufen, was sie wollen. Weitestgehend. Dinge, die ich verbiete, verbiete ich aufgrund pädagogischer Kriterien und nicht weil es meinem vermeintlichen Minimalismus nicht entspricht. Dazu zählen beispielsweise Farben, Kneten und offensichtlich gesundheitsschädigende Spielwaren oder auch Waffen mit Munition. Aber auch Dinge, wie Kreativ-Sets ab 8 Jahren. Die mittlere wird an diesen Dingen aufgrund seines Alters erstmal noch keine Freude haben.

Im Spielzeuggeschäft diskutieren wir. Ich führe die Vorzüge, aber auch die wahrscheinlichen Nachteile einer Sache vor Augen. Entscheiden dürfen sie letztlich selber. Unsere Kinder kennen Lego, Schleich und Holzspielzeug. Ich versuche jedoch liebgemeinte, billige Mitbringsel, die eh in der Ecke landen direkt einzukassieren und weiterzureichen, um ihnen das Spielvergnügen im Kinderzimmer zu erhalten. Das ist eine meiner Hauptmotivationen bzgl. meiner Kinder. Sie dürfen ruhig erkennen, wie viel Spaß das Spielen macht, wenn man Raum und Zeit dafür hat. Wenn nicht alle Regale vollbesetzt sind, bzw. das Kinderzimmer zu einer Abstellkammer von Kisten und Kartons mit Spielmaterialien mutiert ist.


 

Profilbildklein_MG_1860Die Autorin über sich selbst:

Ich bin Rachel (im Netzt auch als “rage” bekannt) und schreibe seit 2012 an meinem Blog MamaDenkt. Angefangen mit einer Brustentzündung habe ich inzwischen zu meinen Themen gefunden: Nachhaltigkeit, Minimalismus und das einfache Leben mit Kindern. Vereinbarkeit von Familie und Beruf, meine Rolle als Frau und Mensch in dieser Welt spielen hierbei natürlich auch immer eine große Rolle. Durch Vereinfachung und Entschleunigung probieren wir uns außerdem in vielen Dingen aus: Sei es die Altbausanierung, das Einkochen von Pfefferminzsirup, das Upcycling von Kinderkunstwerken oder alten Verbrauchsgegenständen oder das Arbeiten im Garten. Es gibt immer was, in dem wir uns ausprobieren, Erfahrungen mit anderen teilen und es für die Nachwelt festhalten.

Mit Minimalismus setze ich mich seit der Geburt meines ersten Kindes auseinander. Das liegt jetzt etwa sieben Jahre zurück. Aufgeschrieben habe ich meine Gedanken dazu jedoch erst viel später und ich merke, es gibt immer wieder etwas Neues, was mir dazu durch den Kopf geht und in unserem Leben von Bedeutung ist. Dabei geht es weniger um das Reduzieren des Besitzes auf 100 Dinge, sondern viel mehr um das Erlangen von Souveränität und Freiheit für das Wesentliche im Leben: Familie, Freunde, Zeit miteinander und für mich.

Bildquellen:
Bild von der Autorin Rachel, Rachel selbst
Kind im Baum, Eugenia Allerdings

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