Minimalismus und dann?

auf zeitWas kommt eigentlich nach dem Minimalismus?

Mit Minimalismus meine ich hier das Loswerden von handfesten Dingen, die man als überflüssig erachtet für sein eigenes Leben und von denen man sich freiwillig trennt.

Besitz reduzieren -analog und digital- ist der kleinste gemeinsame Nenner aller Minimalisten. Kein Minimalismus-Blog und kein Minimalist, der sich nicht mit dem Reduzieren seines Besitzes beschäftigt.

Bevor die berechtigte Kritik kommt: Ich weiß aus vielen blogs und Gesprächen, dass der Minimalismus für die meisten Minimalisten viel mehr ist als das reine Reduzieren von Besitz. Und er verläuft in keinen klaren Phasen. Mit ihm lässt sich kein schönes Schaubild in Form einer Pyramide zeichnen. 

Ist der Minimalismus erst einmal interessant geworden, passiert vieles gleichzeitig. Während man seine Schränke von überflüssigen Dingen befreit, entdeckt man vielleicht, dass man sich anders ernähren könnte. So mancher bricht den Kontakt zu Menschen ab, die ihm nicht gut tun und erschließt sich einen neuen Freundeskreis. Viele entdecken die vielen Formen des Umweltschutzes, befreien sich zum Beispiel von Plastik oder versuchen ohne Auto durch die moderne Welt zu kommen. Es gibt viele Beispiele für gelebten Minimalismus über das Ausmisten von weltlichen Dingen hinaus.

Das verwirrt bisweilen. Muss ein Minimalist irgendwann die Stufe eines Vegetariers erreichen, bevor er dann Veganer wird? Besitzt ein richtiger Minimalist noch Plastikteile? Einen Fernseher? Ein Smartphone? Ein Auto? Wann ist ein Minimalist ein Minimalist? Gibt es eine magische Anzahl von Teilen, die es zu unterschreiten gilt, damit man in den Club der Minimalisten aufgenommen wird?


Meine Geschichte und heutige Sicht der Dinge sieht so aus: Ich reduziere meinen persönlichen Besitz nun seit 2006 und bin jetzt (September 2015) an einem Punkt angekommen, an dem sich meine Hauptbeschäftigung nicht mehr um das Ausmisten dreht. Ich passe auf, was für Dinge ich in mein Leben lasse und gelegentlich trenne ich mich noch von dem einen oder anderen Teil. Mit Ausmisten, Aufräumen oder Aussortieren hat das aber schon lange nichts mehr zu tun. Mein ganz persönlicher Besitz ist überschaubar geworden, würde komplett in meinen zweitürigen Kleiderschrank passen. 

Die Frage, die mich seit einiger Zeit umtreibt: Was kommt jetzt? Es stellt sich die Frage aller Fragen, die Frage nach dem großen Ganzen. Wie will ich leben?  Wie will ich meine Lebenszeit verbringen? Was also kommt jetzt nach dem Minimalismus?

Um für mich diese Frage zu klären, habe ich mir folgendes vorgestellt. Ich schließe die Augen und lasse für ein paar Minuten auch noch alles andere um mich herum verschwinden. Alle Menschen, die ich kenne und die mich kennen, das Zimmer in dem ich sitze, die Wohnung darum, das Haus, die Straße davor, die Stadt, das Land, stelle mir für einen Moment vor, alles Leben auf der Welt wäre ausgeblendet. Die Außenwelt verschwindet für einen Moment. Dann eine Reise ins Innere. Die Innenwelt ist fester betoniert. Tief im Kopf sitzen die Vorstellungen, die Gewohnheiten, die Vorurteile (positive und negative), meine Hoffnungen, meine Ängste. Für einen kurzen Augenblick stelle ich mir zumindest vor ich könnte buddhagleich auch hier alles leeren, auf Null setzen. Der heilige Gral der Meditation, die tabula rasa.

Jetzt will ich frei wählen, was ich wieder zurück haben, was ich in mein Leben lassen will. Was vermisse ich wirklich? Wer und was soll wieder da sein, was wünsche ich mir herbei? Auf diesem Weg kommen nur die wichtigsten Dinge in mein Leben zurück, die schönsten Gewohnheiten und die guten Gedanken, denn tief im Inneren hat doch jeder eine Vorstellung von dem Menschen, der er gerne wäre.

Ich mache mir klar: Alles was ich jetzt in mein Leben zurückhole, wird meine Lebenszeit kosten. Klar, ein paar Sachen werden ungefragt wieder aufschlagen, auch wenn ich sie eigentlich lieber weiter weggefiltert hätte. Der Autokredit läuft halt noch bis nächstes Jahr und die anstrengenden  Menschen muss ich weiterhin als Trainingseinheit betrachten: Immer schön ruhig bleiben. Aber immerhin weiß ich dann, dass ich für diese Dinge nur noch sehr wenig Zeit ausgeben möchte.

Mir hat diese Visionstechnik geholfen. Seitdem bin ich klarer, was und wen ich in meinem Leben haben möchte, worauf ich gänzlich verzichten kann und worin ich nur noch die nötigste Zeit und Energie investiere.

Zur Zeit sind das ohne Rangfolge meine Familie, gute Freunde, mein Körper in Form von regelmäßigem Sport, mein Geist in Form von meditativen Übungen und das Schreiben, zum Beispiel auf meinem Blog. Und echte Freizeit, also Zeit zum ruhigen Nachdenken. Selbst gesteckte Ziele für eine persönliche Weiterentwicklung. Während ich diese Zeilen schreibe geht zum Beispiel der Tag 13 ohne zusätzlichen Zucker zu Ende. Dreizehn von Hundert, so viele Tage glaube ich zu brauchen, um diese lästige Gewohnheit zu durchbrechen, denn bisher war ich ein notorischer Zuckerstreuer. Ein Kaffee ohne Zucker, undenkbar. Nur ein ganz kleines Beispiel für ein Einzelschicksal. Aber so ist es bei jedem eben etwas anderes. Und so mancher entdeckt halt erst mit Mitte dreißig den Milchkaffee für sich.

Für jeden kommt also nach dem Minimalismus der Dinge etwas anderes und alles hat seine absolute Berechtigung, wenn es das Leben des jeweiligen bereichert. Und damit ist auch geklärt, was nach dem Minimalismus kommt. Eine Konzentration auf die Dinge, die einem selbst wichtig geworden sind. Und das ist nun mal bei jedem Menschen etwas anderes. Plastikfrei, Vegetarier, Veganer, Autofrei oder wohnen auf der Rückbank. Dem einen bleibt das Smartphone wichtig, der andere lebt leichter ohne. Der eine schreibt einen Blog, der andere hat einen Podcast, der dritte lebt leichter ohne all das. So manches mag sich auch wandeln. Das Gepäck des Minimalisten ist leicht, aber es muss nicht ein Leben lang das gleiche sein und welch eine Bereicherung ist es sich über die Päckchen auszutauschen, die ein jeder von uns ganz bewusst durch sein eigenes Leben trägt.

Ein Gastbeitrag von Marco Mattheis


Der Autor stellt sich vor:

Marco Mattheis Meine Name ist Marco Mattheis – geboren 1982 – nach bestandener Prüfung zum Offizier Entscheidung gegen diese Karriere, dann Studium der  Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Ich arbeitete unter anderem als Aushilfe im Einzelhandel, Stahlarbeiter, Call-Center Agent, in der Kinderbetreuung, einem Jugendhaus und einem Kinderheim. Derzeit lebe ich mit meiner Familie in Witten an der Ruhr und kümmere mich noch bis Mitte November 2015 (Elternzeit) um meine 2014 geborene Tochter.
Auf meinem Blog schreibe ich über Themen, die eine Verbindung zu meinem eigenen Minimalismus haben. Inspiriert wurde ich vor allem durch einen herausragenden Philosophieprofessor an der ev. Fachhochschule Bochum und der Besprechung des Buches „Haben oder sein“ von Erich Fromm.

Entrümpeln und Aufräumen stehen heute nicht mehr im Fokus, da ich allmählich am harten Kern der schönen und nützlichen Dinge angekommen bin. Das Leben als Minimalist beginnt für mich also gerade erst, da jetzt die Kraft und Zeit freit ist, die ich in den letzten Jahren in das Ausmisten investiert habe.

5 Gedanken zu „Minimalismus und dann?

  1. Hallo,

    zum Thema “Plastikfrei leben”.
    Es kann m. E. nicht die Lösung sein, dass man alles vorhandene Plastik aus seinem Leben verbannt und sich dann mit einem guten Gefühl zurücklehnt. Das Plastik ist ja nun mal da und da wäre es am sinnvollsten, es auch so lange wie möglich zu nutzen. Nur weil ich das Plastik aus meinem Sichtkreis entferne, verschwindet es ja nicht. Wenn man neue Dinge anschafft, kann man dann gerne auf Plastik verzichten.

    Viele Grüße
    Petra

  2. Hallo Petra,
    hätte ich nicht besser sagen können. Das Prinzip übertrage ich mittlerweile auch auf alle anderen Dinge. Wenn ich einmal eine Sache gekauft habe, fühle ich mich auch bis zum Ende dafür verantwortlich. Verkaufen und davon ausgehen, dass der neue Käufer es bis zum Ende benutzt ist nicht mehr meins. Solange ich es noch benutzen kann, tue ich es auch nach Möglichkeit.

    Gruß, Marco

  3. Pingback: Konsum-Szene: Minimalismus als Lebensstil - konsumgedanken.de

  4. Muss ein Minimalist irgendwann die Stufe eines Vegetariers erreichen, bevor er dann Veganer wird?
    – Nein.
    Besitzt ein richtiger Minimalist noch Plastikteile?
    – In Bezug auf den Besitz von Plastikteilen ist die Antwort: Durchaus.

    Gegemfrage: Worin unterscheiden sich ein richtiger und falscher Minimalist?

    Einen Fernseher?
    – Nein
    Ein Smartphone?
    – Durchaus, wobei dies auf die Art der Nutzung (qualititav und quatitativ).
    Ein Auto?
    – Dies ist u. a. abhängig von Nutzung, Lage, Kosten-Nutzen-Verhältnis.
    Wann ist ein Minimalist ein Minimalist?
    – Wann ist ein Fisch ein Fisch?
    Gibt es eine magische Anzahl von Teilen, die es zu unterschreiten gilt, damit man in den Club der Minimalisten aufgenommen wird?
    Es gibt keine Zugehörigkeit zu einem Club, der abhängig von der Anzahl der Besitztümer ist. Denn du bist der Club.
    Und die magische Zahl lautet: “eins weniger”.

    Beim loslassen geht es u. a. darum die Komfortzone zu verlassen und sich mit dem sich veränderten Ich-Zustand (innen und aussen) auseinanderzusetzen.
    Nach ein paar Schritten, dabei kann es gelegentlich zurück oder zur Seite gehen, erwartet dich Erkenntnis.
    Solltest du sehr sehr viele Schritte gegangen sein und dir das Glück gewogen sein wird es sich dir offenbaren…
    und sollte dich nach diesen sehr sehr vielen Schritten der Mut nicht verlassen haben und du nochmals unzählige Schritte weiter gegangen bist so wirst du “eins”.

  5. Sehr geehrter Herr Mattheis, hallo Marco,
    ein Artikel, der mich sehr an meine Situation erinnert. Auch ich gehe meinen “Weg der Einfachheit” seit ca. 10 Jahren und habe Dieses und Jenes geändert, reduziert usw. In den letzten Jahren liest man viel über Minimalismus und ich habe dadurch irgendwann gemerkt, dass ich mich irgendwie von selbst in Richtung Minimalist entwickelt habe, ohne das dies am Anfang mein erklärtes Ziel war. Über den Punkt, weiter zu reduzieren, bin ich auch hinaus und stelle mir immer wieder die Frage, was nun? Herausgekommen ist bei mir ein gesteigertes Interesse an Sachbüchern über Psychologie, Zeitmanagement, Entscheidungshilfen etc. Nicht so ernst und wissenschaftlich, aber immer irgendwie auf der Suche nach hilfreichen Tipps oder Erkenntnissen, die mich einen kleinen Schritt weiterbringen.

    Stand heute kann ich sagen, dass ich im Alltag extrem ruhig und ausgeglichen bin, dass ich mich über kleine Dinge freue, mich selten aufrege und vieles mehr. Ich werde oft gefragt, wie ich bei Problemen so ruhig bleiben kann oder woher ich meine gute Laune am Morgen habe. Für mich ist die Antwort einfach: Mein aufgeräumtes minimalistisches Leben gibt mir die nötige Gelassenheit, aber mein Gegenüber blickt mich sehr oft verständnislos an. Nachvollzihen können das wohl nur “Weggefährten”.

    Aber ich bin selbst gespannt, was noch so alles auf mich zukommt. Die “Reise” bis hierher war jedenfalls schon sehr vielversprechend…

    Ich wünsche ein schönes Wochenende und viel Spaß beim weiteren Weg.
    Oliver

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